feeling 40: bastle (und beherrsche) das brettspiel: wann kommt dummheit aus dem wasserhahn und wie kann ich mich dagegen schützen.
aus: "60 Jahre Menschenrechte - 30 literarische Texte"
msrose - 16. Apr, 14:27
Mon cher,
„Was ist deine Muttersprache?“
Ist diese Frage leichter für mich zu beantworten als „Woher kommst du?“ Es ist zumindest nicht ganz gleich, von wo man kommt, wenn man wohin geht oder schaut. Des hobi dr glei gsogt. Ebe. Es hätt (es gibt*) e fesche D-A-CH-Kunschtkarte für d Museene vo alleni drü Länder, für söttige, mit eklatantem Schwiizbezug der Landschaft, Liebe, Literatur und Leute wegen etc. Passt. So einen D-A-CH-Pass beantrage ich für mich. Ich bin auch D-A-CH. „Dees goanze Lebn is a oanzige Reise“, hat d`Mutt mir scho gsogt, und do bin i no a goanz a kloans Dirndl gwesn, und hob rote Ruam, Bete und Rande scho imma liaba zsammgessn als drüba gred.
Jo mei, es isch wies isch.
Im Sommer hab ich in Oberösterreich Urlaub zu Hause verbracht. Auf dem Vierkanthof meiner Mutter. (Höfe haben mich in D nicht interessiert. Aber in der Schweiz schau ich mir nach wie vor gerne unterschiedliche Bauernhöfe an. Das ist mir geblieben. Zähle Kanten.) Jeden Kindersommer Austria. Jedenfalls recht oft, soweit ich mich erinnern kann. So oft, dass ich in den Ferien irgendwann auch verstand, wos a ausgschabter Donaufetzn is und a oida Habara, hearst. Depperte Gössn hobn mi gstochn, Jesses nei. Schleich di, geh weida, Batzi, Buzi. Mohnstrudl hobi mögn, an Holler, Topfen und an Germteig. Als mir das erste Mal ein „wos“ mit richtig coolem tiefem O-Laut über die Lippen kam, stand meine urösterreichische Tante staunend grinsend vor mir, als ob sie sagen wollte, „griasti daham“, willkommen zuhause. Oba i hob ned recht gwisst, wo und so. Wos was i. Woastas eh.
Brot is Heimat. Do konstma sogn wos d wüüst. Brot schmeckt überall anderscht. Wenn i Fenchel und Koriander im Brot schmeck, bin i dahei. I bring ma imma Gwürz mit.
Bei der Mutt hobi imma a voi guate Jausn gessn. Eine Stulle, eine Schnitte Brot mit verschidane Sortn Wurscht und Kaas übereinand. Wia mit a Maulsperrn, oba ned org schiach, bin i umanandergrannt. In Deutschland gab es viel Butter, wenig Belag oder sowieso nur von einer Sorte. In Österreich war ich im Bauernhofhimmel, als Kind. Oder Rindfleisch mit (D-CH)Meerrettich- oder (A)Krensauce. In Österreich war der ganze Teller voll mit Fleisch und Sauce. In Deutschland sah man das Fleisch vor lauter Kartoffeln nicht. Aber das Gericht hiess gleich. Der D-Kaffee hat mir nie geschmeckt. Ein dreifach donnerndes „Merci“ auf die A-CH-Kaffeetradition. CH-Leberwurst aus der Tube, D-Puddingpulver fixfest, A-Zweigelt, CH-Gruyère, A-deka, CH-dl, D-Bockbier, A-Kürbiskernöl, D-Meersburger Reben. Ich weiss gern, was ich am besten wo bekommen kann.
„Was bin ich?“ hat mich interessiert. Des erste Türl, mein erster Zugang zur Schweiz, miis Iitrittsbillet isch dr Guido gsi. Da hockte ich mit deutschem Vater und österreichischer Mutter zuhause im hochdeutschen Norddeutschland vor der Glotze neben dem Bildband von den Alpen und Seen und war keine 10. Wir haben nicht op Platt geschnackt (obwohl mein Vater auch Plattdeutsch sprechen könnte; meine Mutter hat zunehmend weniger ihren Heimatdialekt gesprochen, aber weiter buckstabiert.). Wegen Guido dachte ich, der Schweizer ist immer eine Spur schlauer als alle anderen aus D und A. Guido war der beste Ratefuchs im deutschen Fernsehen. Der Schweizer hat die Deutschen beim heiteren Beruferaten einfach so in die Tasche gesteckt und alle mochten ihn. Damals wusste ich noch nicht, was charmant ist.
Alle Fernsehdeutschen lieben Emil. Als ob sich das von den Eltern auf die Kinder vererbt. Dank Emil hörte ich nun, wie die Schweizer richtig reden, wenn sie Deutsch meinen. Nur ned hudeln. Jo nöd pressiere. Aber ich dachte, der Emil übertreibt das doch, so werden die gar nicht reden, aber sie können schon, so habe ich ja dann auch gesprochen, aber das habe ich erst in der Schweiz gemerkt. Emil im deutschen Fernsehen ist schuld (d.h. meine Fernseheltern), dass ich noch heute in der Schweiz manchmal so rede, wie ich eben red, wenn die Schweizer denken, eine Hochdeutsche und dann so mit mir reden wie Emil. Wie soll ich da richtig Dialekt lernen. Ebe. Sprachverantwortung. Verortung. Obwohl ich den Emil dann viel später mal am Genfersee hab spazieren gehen sehen. Aber da sagt man ja nix ausser nicken.
Und irgendwann kam Kurt. Der schien mir neben Frankenfeld ein ganz Großer im Fernsehleben. Frankenfeld, Kuhlenkampf und der Schweizer Kurt. Kurt war für mich der internationalste Schweizer, der hatte auch Paola. Kurt beherrschte das deutsche Fernsehen, der war mein perfekter Fernsehschweizer. Kurt war in allen Sprachen zuhause, mit allen Wassern gewaschen. Da wollte ich auch hin.
Dann isch d Denise cho, oba das isch viel später gsi, oda. Wege Denise hänn i denkt, die sin jo totali Meischter im sich Ussawinde, d SchwiizerInne, die tüent si immere wieda neuchi Pirouette dafinde, darin sind sie unschlogbar. Da war ich immer noch ein Kind. Es chliis Meidli. A goanz a herziges Mäderl, hot d Mutt gsogt. Na servas!
Aussi bin i ohni Glumpat, dann ummi, eini, obi, auffi, greist bin i übern Weißwurschtäquator, übern Röschtigrabn, wie mia des d Mutt scho imma gsogt hätt. Mit Mascherl, Pupperl, Stamperl, Zuckerl, Käsehörnli mit Brösmeli ganz ohni Büsi. Und mit der Sehnsucht ist mein Dialekt immer stärker geworden. Meine Sprache. (Woastas eh.)
Dann bin i für a Lesig in Arbon (CH) glandet und ha no nia in mim Läbe so schöni Nebel gseh. Wie gmalt. Und i has Meer groche. Und übern See an Gruass uf Konschtanz gschickt, an Imperia, die Edelhure. Ich habe mich im Zeppelin hinausgeträumt auf diesen großen See, an seine tiefste Stelle. Weit weg vom Ufer, das überall anders aussieht, wo man das Gefühl hat, auf dem Meer zu sein, nur noch Weite, wo es wirklich keine genauen Grenzen gibt, mitten in diesem Bodensee, dem grenzenlosen D-A-CH, nur noch Wasser, da hänni inne ghalte un bin gfloge und gschwomme und ha gwusst, das bist du, genauso isches, zmittst im Bodensee bischt du würkli dahei.
Jo mei, mon cher, was ist denn aber nun deine Muttersprache, die Sprache deiner Sehnsucht, deine Urschnorre, habe ich mich gefragt, habe ich dich gefragt, mitten auf diesem grenzenlosen See, weit und frei, wo du dich nicht mehr anlehnen kannst, nichts als Blau in allen Farben siehst, wo du sonst je nach Gelegenheit mehr oder weniger anpassend D-A-CH-quatscht, akzentfreien Dialekt schwatzt, redest, und in alle Richtungen zu den D-A-CH-Ufern fiel mein Blick und ein lautes „HAH**!“ schallte über den See wie ein endloser Ruf. Hesch mi ghört? Ach nö!
Oui, mon cher, so isches. Ich suche seither auch nach meinen ägyptischen Wurzeln;-)
Schau ma amoi!
*Am „Parkieren“ hab ich mich auch geoutet. Meine Hochdeutschen Freunde parken selbstverständlich. Am „Es hat“, es hat eben halt noch. Da haben sie mich angegrinst und ich habe „natürlich“ nicht gemerkt, warum.
**Hah, ägyptischer Gott der Endlosigkeit und Ewigkeit.
msrose - 16. Apr, 14:05